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Gewalt

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Der Begriff "Gewalt" ist nur aus den jeweils vorliegenden historischen und sozialen Zusammenhängen zu deuten. Vom Ursprung her ist er wertneutral und bezeichnete allein die Fähigkeit zur Durchführung einer bestimmten Handlung. Die heute gebräuchlichen Anwendungen des Begriffes sind wesentlich vom Erkenntnisinteresse des sprachlichen Ausdrucks bestimmt. Dieses kommt oft in entsprechenden Wortzusammensetzungen wie "Staatsgewalt", "Gewaltenteilung" oder "Gewaltmonopol" zum Ausdruck.

Ein der Moderne adäquater Ausdruck für Gewalt ist der von dem Friedensforscher Johan Galtung eingeführte Begriff der "strukturellen Gewalt". Mit diesem Begriff wird der Erkenntnis Rechnung getragen, dass einer für jeden sichtbaren äußeren Gewalt in der Regel eine strukturelle Gewalt vorausgeht. Nach Galtung ist strukturelle Gewalt "die vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse oder, allgemeiner ausgedrückt, des Lebens, die den realen Grad der Bedürfnisbefriedigung unter das herabsetzt, was potentiell möglich ist“.

Der so erweiterte Gewaltbegriff bekam so seit den 60er Jahren des 20. Jh. eine wichtige Bedeutung z. B. in der politischen Auseinandersetzung mit dem Staat und der Bewegung der antiautoritären Erziehung. In der aktuellen gesellschaftlichen und politischen Situation kommt der Gewalt eine überragende Bedeutung im Bewußtsein der Menschen zu. Verantwortlich hierfür sind zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen, deren Existenz durch die allgegenwärtigen Medien rund um die Erde verbreitet werden, Terroranschläge, die zur Richtschnur staatlichen Handelns geworden sind, mediale Vermarktung roher Gewalt in Form von Computerspielen, Videos und Freizeitveranstaltungen.

Auf der vorbereitenden Ebene der strukturellen Gewalt werden u. a. die im sogenannten Raubtierkapitalismus herrschenden Prozesse oder die "häusliche Gewalt" gegen Kinder als Ursachen für physische Gewaltausbrüche angesehen. Hierin werden sowohl kollektive wie auch ganz individuelle Verhaltensmuster sichtbar. Wenn z. B. der Präsident eines Großkonzerns die Kapitalrendite nicht um wenigstens 15 Prozent erhöhen kann und den Börsenwert um ein Drittel, dann ist seine Position an der Spitze des Unternehmens gefährdet. Die strukturelle Gewalt des entfesselten globalen Kapitalismus ist der Motor, der von Machtwillen, Gier und unglaublicher Dynamik getrieben wird (so Jean Ziegler bei der Protestkundgebung zum G8-Gipfel in Heiligendamm.

Ein weiterer Erklärungsansatz für zunehmende Gewalt in der Gesellschaft und insbesondere in Form des Rechtsextremismus ist die mit der Leistungsgesellschaft im globalisierten Kapitalismus gekoppelte Beziehungskälte: "Wer immer siegen muss, schafft automatisch Verlierer". Pschoanalytische Erklärungsversuche sehen eine wesentliche Ursache in der repressiven oder lieblosen Behandlung der Kinder. Kinder müssen heute sehr schnell bestimmte Leistungen erbringen und an sie gestellte Erwartungen erfüllen. Hieraus entstehen Beziehungsarmut und Beziehungslosigkeit. Bei den Kindern entstehen Kränkungen, Demütigungen und Einengungen, die zu berechtigten Agressionen führen. Diese Agressionen werden jedoch wiederum unterdrückt. In der weiteren Entwicklung entsteht ein Gefühlsstau, der im günstigen Fall durch einen guten sozialen Status aufgefangen wird. Wird aber der soziale Status in Frage gestellt, dann ist die soziale Ausgleichsmöglichkeit nicht mehr da, und man sucht sich Abfuhrmöglichkeiten. In der Psychologie ist bekannt, dass dann der Schwächere, dem man etwas antun kann, als Sündenbock herhalten muss.

Der Schauspieler und Autor Jochen Senf erklärt nach seinen persönlichen Erfahrungen häusliche Gewalt als "Trick der Patriarchen", der darin bestehe "strukturelle Gewalt immer wieder zu individualisieren. Wenn der Sohn in der Schule sitzen bleibt, ist das nach Ansicht der Täter nicht das Ergebnis repressiver Gewalt, sondern der Sohn ist dumm und faul. Und wenn die Sekretärin nicht mal nach einer Kündigungsdrohung mit ihrem Chef schlafen will, ist sie zickig und muss gemobbt werden. Oder der Chef behauptet, sie wäre verklemmt."

Auf der Ebene des Staates wird durch den Aufbau von neuen Feindbildern (Taliban, Terrorismus, Sozialmißbrauch) und den hiermit begründeten Eingriffen in bürgerliche Freiheiten eine neue Bedrohungslage geschaffen, die direkt wie indirekt strukturelle Gewalt darstellt.

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